Das Leben | Dankbarkeit und Selbstliebe

Die letzten Wochen. Sie fühlten sich als hätte sie jemand in einen Cocktailshaker geschmissen. Gut durchgemixt, geschüttelt, gerührt. So kamen meine Gefühle wieder raus.

Seit 4 Jahren durchlebe ich jeden Februar ein Auf- und Ab. Ich durchlebe den Tag, als mein Sohn vor vier Jahren ins Krankenhaus kam. Ich spüre meine Angst, meine Hilflosigkeit. Ich spüre meine Schuldgefühle. Meine Sorgen. Meine Gelähmtheit. Ich durchlebe die Wochen, in denen ich bangte. In denen wir ans Krankenhaus gefesselt waren. In denen ich betete. In denen ich mein eigenes Leben für seine Gesundheit verkauft hätte. Und noch nie fühlte ich es so sehr wie heuer. Noch nie fühlte ich MICH so sehr. Ich würde mein damaliges Ich so gerne in den Arm nehmen. Ich würde meinem Ich von damals so gerne ins Ohr flüstern, dass jeder Schritt den ich intuitiv gehe, bei dem ich mich von meinem Bauchgefühl leiten lasse, der richtige ist. Dass nichts umsonst passiert. Dass ich an meinen Aufgaben wachse. Und das ich ein toller, großartiger Mensch bin. Wir wurden zu dieser Zeit mit Liebe überschüttet. Aber mich selbst bedeckte ich dabei mit einem Regenschirm. Um nichts davon abzubekommen. Ich war zu hart mit mir. Und ich spürte in diesem Februar, wie weh ich mir damit damals tat.

Den Tag innerlich zu feiern, als ich mit meinem gesunden Kind vor vier Jahren das Krankenhaus verlies, ist jedes Jahr wieder heilsam. Den Blick auf meine Kinder gerichtet. Auf deren Lachen, auf deren starken Willen, auf deren Gesundheit. Die Dankbarkeit – sie trägt mich durch die Tage. Und ich merke immer mehr, dass Dankbarkeit Berge versetzen kann. Ich fühle, wie Dankbarkeit verzeihen lassen kann. Mir selbst verzeihen. Mein eigenes Herz heilen.

Da draussen herrscht Krieg. So viel Leid. Ganz plötzlich zeichnet sich da eine Falte in so vielen Gesichtern ab. Das schlechte Gewissen zeichnet sie: Beklagte ich mich heute früh noch über die Kinder, die nicht pünktlich aus dem Bett kommen? Über meine Arbeit? Über die Wäscheberge? Über das schlechte Wetter? Selbst mein harter Februar fühlte sich plötzlich so falsch an. Eine Welle des Mitgefühls brach auf Social Media aus. Spendenaufrufe, alle Welt verlinkte Schlagzeilen, Blogger und Influencer wurden ruhig. Menschen, die ihr Geld mit Social Media verdienen, entschuldigten sich dafür. Content Creator, die ihren Job öffentlich weiter machten und ihre vereinbarten Werbeposts schalteten, wurden dafür so manches Mal verurteilt. Mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, das Tun anderer zu bewerten – das ist Krieg im Kleinen.

Die Welt da draussen ist gerade so beängstigend. Doch dürfen wir vor lauter Mitgefühl nicht jenen Fehler machen, den ich damals im Krankenhaus machte: uns selbst vergessen. Denn Fenster auf – riecht ihr die gute Luft? Seht ihr die Sonne da oben? Fühlt ihr den Herzschlag eurer Kinder? Seht ihr im Spiegel diese unglaublich tolle Person? Dankbarkeit und Selbstliebe – das ist der Cocktail den wir uns täglich in unsere Gläser füllen dürfen. Das Mitgefühl begleitet uns ganz von alleine. Unsere eigenen kleinen Welten drehen sich weiter – das dürfen sie ohne schlechtem Gewissen. Denn sie bedeuten LEBEN und HOFFNUNG.

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